Österreichs Schmerzpatienten schlecht versorgt
APA0283 5 CI 0547 XI/II, Do, 11.Sep 2014
Wien (APA) – Österreichs Patienten mit chronischen Schmerzen sind unzufrieden und oft schlecht versorgt. Eklatante Defizite hat jetzt eine Umfrage unter 890 Betroffenen ergeben. Seit 2008 hat sich die Situation nicht gebessert, erklärten Experten am Donnerstag in Wien. Teures Doctor-Hopping, zuwenige Spezialisten und Einrichtungen sowie Kassen-Erstattungsdefizite verursachen Milliardenkosten ohne Vorteile.
Das Gallup-Institut hat von Mai bis Juli dieses Jahres im Auftrag des Selbsthilfegruppen-Dachverbands „Allianz chronischer Schmerz“ mit Unterstützung des Pharmakonzerns Astellas eine quer durch alle Alters- und Bevölkerungsgruppen gestreute Online-Umfrage mit Schwerpunkt auf Schmerzpatienten durchgeführt. Die Ergebnisse unterscheiden sich, so Erika Folkes von dem Dachverband nicht von jenen einer ähnliche Umfrage im Jahr 2008: „Es ist seither überhaupt nichts geschehen.“
Der aktuelle Zustand der Betreuung chronischer Schmerzpatienten erscheint demnach anhaltend schlecht. 14 Prozent der Betroffenen geben an, länger als ein Jahr an den quälenden Symptomen zu leiden, 40 Prozent bereits ein bis fünf Jahre, 27 Prozent sechs bis 15 Jahre und 16 Prozent mehr als 15 Jahre. Die Verzweiflung, auch jene mit der angebotenen Therapie, muss groß sein: Nur 16 Prozent der chronischen Schmerzpatienten haben einen Arzt konsultiert, 45 Prozent zwei bis drei Ärzte, 15 Prozent vier bis fünf Mediziner, immerhin noch 23 Prozent mehr als fünf Ärzte. Jene, die eine Therapie bekommen, sind damit nur durchschnittlich zufrieden.
Gallup-Demoskopin Gabriele Reithner: „Mehr als 40 Prozent der Patienten erklärten, in ihrer Lebensqualität stark beeinträchtigt zu sein. 45 Prozent haben hohe finanzielle Aufwendungen durch ihre chronischen Beschwerden.“ An oberster Stelle der Forderungen stünden „mehr Verständnis und Akzeptanz“, man wolle nicht als Simulant oder Psycho-Patient betrachtet werden. 18 Prozent würden mehr finanzielle Förderung und mehr Krankenkassenleistungen fordern.
Es gibt begründeten Verdacht, dass Versorgungsdefizite in der österreichischen Schmerzmedizin zu Milliardenkosten ohne Vorteile für die Kranken führen. Hans Georg Kress: „Jeder fünfte Europäer leidet unter chronischen Schmerzen. Das macht 500 Millionen Krankenstandstage und 35 Milliarden Euro Schaden zulasten der Wirtschaft. In Österreich sind es pro Jahr 406.000 Krankenstandstage mit einem Produktivitätsverlust von 1,12 Milliarden Euro. Hinzu kommen 21.000 Frühpensionierungen mit 600 Millionen Euro kosten. Das ergibt volkswirtschaftliche Kosten von 1,7 Milliarden Euro.“ Rechne man noch die direkten Invaliditätspensionsleistungen von 430 Millionen Euro und die Aufwendungen für die Behandlung hinzu, komme man auf jährliche Gesamtkosten von 3,8 Milliarden Euro.
Zwar gebe es ein vom Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) seit Jahren einen Plan für die notwendigen Strukturen für die Betreuung von chronischen Schmerzpatienten, doch dieser liege bloß in Schubladen herum. „Schmerzmedizin ist in Österreich nicht existent, weder als Fach, noch als Sonderfach“, sagte Kress. Mangelnde Ausbildung und fehlende Strukturen ergänzen einander in negativer Weise. Der chronische Schmerz sei auch kein anerkanntes Krankheitsbild, was ebenfalls zu nicht vorhandener politischer Wahrnehmung des Bereichs führte. Auch die aktuelle Gesundheitsreform habe die Schmerzmedizin nicht wirklich im Visier.
Die Klagen der chronischen Schmerzpatienten über hohe finanzielle Aufwendungen betreffen laut den Experten moderne Schmerzmittel, die nicht von den Krankenkassen bezahlt werden. Bei anderen Leistungen gibt es wiederum bundesländerweise Unterschiede. Da die Betreuung von chronischen Schmerzpatienten auch kein Krankheitsbild ist, gilt das nicht als definierte Kassenleistung. Laut Selbsthilfegruppen gibt es in Wien nur 14 niedergelassene Ärzte mit einem Diplom für Schmerzmedizin der Österreichischen Ärztekammer.
Schmerzpflaster auf Krankenkasse
Gute Nachricht für alle, die an neuropathischen Schmerzen leiden: Astellas Pharma Europe Ltd hat mit dem Wirkstoff der Chillischote ein innovatives Pflaster entwickelt, das den neuropathischen Schmerz lokal bekämpft. Das Schmerzpflaster wird vom Arzt oder medizinischem Fachpersonal für 1 Stunde auf das schmerzende Areal gekllebt, der Wirkstoff Capsaicin wird über die Haus aufgenommen, wodurch die Schmerzrezeptoren überstimuliert werden. Dadurch werden diese reversibel unempfindlich gemacht. Die Schmerzlinderung kann bis zu 3 Monate und länger anhalten.
Das rezeptpflichtige Medikament hat seinen Preis. Weil es aber von einem Arzt verordnet werden muss, wurde in Absprache mit den Krankenkassen ein Weg gefunden, der die Verschreibung unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt:
- die erste Klebung des Schmerzpflasters erfolgt in einer Krankenhausambulanz oder bei einem Arzt mit Schmerzdiplom
- der behandelnde Arzt dokumentiert, dass mit einer anderen Therapie nicht das Auslangen gefunden wurde und sucht um Chefarztbewilligung für das Schmerzpflaster an
Spricht der Patient auf das Schmerzpflaster an, kann die Therapie frühestens nach 3 Monaten wiederholt werden. Dies kann auch bei einem Hausarzt, der Qutenza klebt, erfolgen. Soricht der Patient nicht an und das Pflaster wurde von einem niedergelassenen Arzt mit Schmerzdiplom verabreicht, übernimmt die Herstellerfirma die Kosten für das Pflaster. Für den Patienten entstehen nie mehr Kosten als die Rezeptgebühr.
Überraschend hohe Beteiligung bei unserer Patientenbefragung
Unglaublich aber wahr: in nur einem Tag hatten an die 400 Schmerzpatient/innen den vom Gallup Institut ausgearbeiteten Fragebogen zur Situation von Schmerzpatient/innen in Österreich ausgefüllt. Nach 3 Wochen waren es nahezu 1.000. Diese Reaktion legt den Schluss nahe, dass es in unserem Land eine unglaublich hohe Anzahl von Menschen mit chronischen Schmerzen geben muss. Die Ergebnisse dieser Studie werden derzeit ausgewertet und Mitte September der Öffentlichkeit vorgestellt. Wünschen auch Sie sich eine Verbesserung der Versorgung von Schmerzpatient/innen, dann klicken Sie bitte auf den Link zur Unterschriftenaktion.
Patienten im Vorstand der Österreichischen Schmerzgesellschaft
Im Rahmen der 48. Vorstandssitzung der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) wurde einstimmig beschlossen, dass jene Person, die als Sprecher/in der Plattform „Allianz Chronischer Schmerz Österreich“ fungiert, als außerordentliches Mitglied des Vorstandes ohne Stimmrecht auf Zeit bestellt und aufgenommen wurde. Das bedeutet, dass die in dieser renommierten Fachgesellschaft vertretenen Ärzte in ihrem Bemühen um eine Verbesserung der Situation von Menschen mit chronischen Schmerzen erstmals auch die betroffenen Patienten zu Wort kommen lassen. Die Vorstandsfunktion in der ÖSG ist deshalb an eine Person gebunden – derzeit an Frau Dkfm. Erika Folkes – da das ÖSG Statut Mitgliedschaften anderer Gesellschaften innerhalb der ÖSG nicht vorsieht. Die Nachricht wurde vom Präsidenten der ÖSG, Herrn Prim. Univ.-Prof. Dr. Christian Lampl, der derzeitigen Sprecherin der Schmerzallianz, zusammen mit dem Wunsch „für eine konstruktive Zusammenarbeit“, offiziell mitgeteilt.
Umfrage bei SchmerzpatientInnen gestartet
In Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Gallup Institut hat die Allianz Chronischer Schmerz mit der Unterstützung von Astellas Pharma ein Umfrage gestartet, die österreichweit erheben soll, wie es um die Befindlichkeit und Versorgung von SchmerzpatientInnen steht. Das Ergebnis wird im Herbst der Presse vorgestellt und soll wichtige Rückschlüsse auf die Behandlung von Patientinnen mit chronischen Schmerzen liefern, damit der Verbesserungsbedarf erkannt und entsprechende Maßnahmen angeregt werden. Klicken Sie bitte auf den link „Umfrage“ auf der Startseite.
Schmerzpatient/innen erklären sich solidarisch mit den Forderungen der AKH-Ärzte
Nicht jeder Anästhesist ist ausgebildeter Schmerzmediziner. Dennoch wurde der Journal-Nachtdienst, der Schmerzpatient/innen auf der orthopädischen Universitätsklinik, auf der Onkologie, auf den Internen Abteilungen und den anderen Kliniken Linderung brachte, über Nacht abgeschafft. In Hinkunft soll, so der Leiter des AKH Schmerzzentrums, Univ. Prof. Dr. Hans Georg Kress, ein einziger Oberarzt für die akute Versorgung der 2.200 Betten zuständig sein.
Trotz widriger Witterung haben sich deshalb am 21. Jänner 2014 hunderte AKH-Ärzte der Wiener Universitätskliniken vor dem Eingang zum Rektorats-Gebäudekomplex versammelt, um eine Rücknahme der schon erfolgten Nacht-Journaldienststreichungen an der Medizinischen Universität Wien/AKH zu verlangen.
Anders als noch vor einem Jahr hat die Aktion diesmal neben der Wiener Ärztekammer und der Kurie der angestellten Ärzte auch die Volksanwaltschaft alarmiert, die eine sofortige Einrichtung des Journaldienstes für Patienten mit unerträglichen Schmerzen forderte.
„Es kann doch nicht sein, dass gerade beim Schmerz der Rotstift angesetzt wird“, so Susanne Fiala für die „Allianz Chronischer Schmerz Österreich“: „Patienten mit starken und stärksten Schmerzen eine adäquate Therapie wissentlich vorzuenthalten, finde ich nicht nur menschenverachtend sondern auch gesetzwidrig“.
Es ist zu hoffen, dass das mediale Echo und die von der Volksanwälten angekündigte Missstandsprüfung unter Einbindung des Spitalserhalters, der Stadt Wien und der medizinischen Universität zu einer Rücknahme der ohne Angabe von Gründen erfolgten Streichung der Schmerzbekämpfung durch Spezialisten im Akutbereich führen.
50plus.at – Aktiv trotz Schmerzen
50plus.at ist Österreichs größte und beliebteste Website für aktive Menschen über 50.
Dies gilt auch für jene, die trotz ihrer Schmerzen weiterhin am Leben teilhaben und sich über alle Belange – von der Gesundheit bis zur Freizeitgestaltung – informieren möchten. Das lange Bestehen der Seite (seit 1996), die in Suchmaschinen weit vorne gelisteten Blogs sowie das intensive Engagement in Sozialen Netzwerken wie Facebook (www.facebook.com/50plus), Twitter (www.twitter.com/50plusat) und Google+ (https://plus.google.com/106248555809980676909) bewirkte, dass sich hier eine der größten Internet-Gemeinden Österreichs gebildet hat. Ähnlich einem elektronischen Nachschlagewerk, hält das Portal für seine Leserinnen und Leser Informationen zu den Bereichen Gesundheit und Beauty, Reisen und Kultur, Essen und Trinken, Wohnen, Einrichten und Haushalt, Sport, Hobby und Spaß, Finanz, Hilfe und Vorsorge sowie verschiedene andere Themenbereiche bereit und bringt auf den Leitseiten Aktuelles zu Reisen und Freizeit.
Verbesserung für SchmerzpatientInnen in Sicht
Entschließung des Nationalrates vom 3. Juli 2013 betreffend Verbesserung der Situation der SchmerzpatientInnen in Österreich.
Der Bundesminister für Gesundheit wird ersucht, durch den Obersten Sanitätsrat und die Fachgesellschaften eine Bundesqualitätsleitlinie für die Verbesserung der Versorgung von SchmerzpatientInnen in Österreich entwickeln zu lassen. Dieser Nationalratsbeschluss basiert auf einer Sitzung des Gesundheitsausschusses vom 27. Juni 2013, in der die Abgeordneten Dr. Wolfgang Spandiut, Dr. Erwin Rasinger, Dr. Sabine Oberhauser, MAS und Dr. Kurt Grünwald im Beisein des Bundesministers Alois Stöger diplome den Antrag auf Besserung der Situation chronischer SchmerzpatientInnen in Österreich einbrachten. Begründung: Rund 1,7 Millionen ÖstereicherInnen sind chronische Schmerzpatienten. Die Situation der gesundheitlichen Versorgung dieser Personengruppe kann zu Recht als unbefriedigend bezeichnet werden. Jeder Zweite dieser Patienten ist mit der Schmerzbehandlung unzufrieden. Es fehlt an Behandlungsmöglichkeiten und es dauert oft jahrelang bis eine entsprechende Diagnose erstellt wird. Si ist es nicht verwunderlich, dass ein gewaltiger volkswirtschaftlicher Schaden entsteht. Rund ein Drittel ist arbeitsunfähig und 21 Prozent befinden sich in Frühpension. Der dadurch entstehende Schaden ist mit bis zu 3 Mrd. Euro angegeben.
Teilnahme am Projekt „Pain Patients Pathway Recommendations”
Das von der Pain Alliance Europe (PAE), der italienischen Bürgerbewegung ACN (Active Citizen Network) und der Pharmafirma Grünenthal im Dezember 2012 ins Leben gerufene Projekt, das europaweit die rechtlichen Grundlagen für die Behandlung von Schmerzpatienten vergleicht und gemeinsame Richtlinien erarbeitet, wird auch von der EURAG Österreich (Gründungsmitglied Schmerz Allianz) unterstützt. Bis 2014 werden Vertreter von 19 Mitgliedsstaaten Erhebungen bei ärztlichen, behördlichen, sowie Patienten-Vertretungen in den jeweiligen Ländern durchführen mit dem Ziel Schmerzpatienten in der Gesundheitspolitik entsprechendes Gewicht zu verleihen.
Neue Richtlinien für Schmerz-Management als Grundlage für EU Direktiven ausgearbeitet
Beim letzten SIP (Societal Impact of Pain) Meeting am 15. Mai 2013 in Brüssel einigten sich 187 internationale und nationale Patienten- und wissenschaftliche Organisationen im Europäischen Parlament auf einen Maßnahmenkatalog, der die Reintegration von Schmerzpatienten in den Arbeitsprozess erleichtern soll. Ihre Empfehlungen auf Basis der erarbeiteten Qualitätskriterien und Best practice Beispielen aus mehreren europäischen Ländern sind als Grundlage für künftige EU Richtlinien, sowie ein effizienteres Management von chronischen Schmerzen in Europa gedacht. Die Allianz Chronischer Schmerz Österreich und die EURAG Österreich unterstützen diese Initiative.

